Die EM ist Geschichte. Olympia vorbei. Die Bundesliga hat begonnen. Bei allen Athleten kann die persönliche Bestleistung nur in einem optimalen mentalen Zustand abgerufen werden, dem sogenannten Flow oder State of Excellence.

Wenn Leistungssportler und -Sportlerinnen über Jahre an Technik, Taktik und Fitness (Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit und Körperkoordination) arbeiten und auf den Punkt Bestleistung abrufen, dann ist das schön anzuschauen.

Wenn dann aber in „kritischen“ Situationen kein mentales Konzept, kein Mind-Set vorhanden ist, dann ist das aus Sicht der Sport- und Leistungspsychologie schon verwunderlich: Mats Hummels sagte über seinen Elfmeter im Elfmeterschießen gegen Italien, EM 2016: „Am Mittelkreis wusste ich schon, wo ich hinschieße. Es hat sich nur leider noch ganz oft geändert, bis ich am Elfmeterpunkt angekommen bin. Glück gehabt.“ Der Elfer ging rein, Deutschland gewinnt 7:6.

Olympia 2016, Finale der Männer im Fußball. Ähnliche Situation, aber bei Nils Petersen hält der Torwart. In solchen Momenten würde ich gerne Gedanken lesen. Tausend Mal im Training geübt, oft im Pflichtspiel erfolgreich eingenetzt, und jetzt in einem Stadion mit 75.000 tobenden Zuschauern und vielen Millionen am Fernseher und die Goldmedaille vor der Nase. Was geht einem Spieler da durch den Kopf, nicht nur Petersen, sondern z.B. auch Matthias Ginter, der als erster schießt (und trifft) oder Neymar da Silva Santos Junior, der nach Petersen schießt (und trifft)? Wie ist sein innerer Zustand?

Bin ich mental klar und fokussiert, weil voll Vertrauen in mein Können und mein inner Game oder Mind-Set, oder bin ich unter Strom, weil mein „Angst-System“ die Kontrolle übernimmt und meine kognitiven Fähigkeiten und die Feinkoordination des Muskel-Skelett-Systems runterreguliert? Wird es ein unhaltbarer Schuss, ein Glück-gehabt-Tor oder Hält der Torwart. Oder schieße ich sogar vorbei?

Wo Körper an Ihre Grenzen stoßen und nur gedopt noch „bessere“ Leistungen möglich sind (inzwischen ja auch bei vielen im beruflichen Alltag), ist auf der mental-emotionalen Ebene noch viel Luft. Genau wie der Körper kann auch der Geist, können auch mentale Prozesse und mentale Stärke trainiert werden. In Alltag und Beruf ist das ein wichtiger Wirkfaktor von Resilienz.

Neben mentalem Training zur Vorbereitung auf tägliche Hochleistung und Höchstleistung auf „den Punkt“ genau gehören u.a. auch die innere Haltung des Einzelnen und die Haltung des Teams. Nicht ohne Grund spricht man von Teamspirit und „die Mannschaft auf den Gegner einstellen“. Es geht um das Zusammenspiel un- und vorbewusster mental-emotionaler Prozesse, die körperliche und mentale Abläufe, Handeln und Leistung signifikant beeinflussen.

Heute ist mentales Training nicht nur das Visualisieren einer Wettkampfsituation. Es gilt das gesamte Konstrukt von Einflussfaktoren auf und den Prozess von Hochleistung zu verstehen und Schritt für Schritt die Wirkfaktoren zu entwickeln und das Zusammenspiel zu optimieren, bis es für den Einzelnen und das Team stimmig ist. Das gilt für von Scrum-Managern gesteuerte Hochleistungsteams in der IT-Branche (z.B. in der Telekommunikation) genauso wie für Profi-Mannschaften im Sport.

Wie z.B. ganze Haltungs-/Mind-Set-Strukturen oder auch Unternehmens-Werte-Kulturen von Spielern, Team, Betreuern und Verband verändert werden können, hat uns Joachim Löw mit seiner Umstellung von „Leitwolf-Kapitän“ auf „flache Hierarchie“ mit verteilten Rollen und Aufgaben in der Teamführung erfolgreich vorgelebt. Ein Prozess, der über Jahre entwickelt und verfeinert wurde und in den Weltmeistertitel mündete. Mit wechselnden Spielern muss dies immer wieder neu entwickelt und neu gelebt werden.

Mit dem Abschied der alten Hasen aus der Nationalelf kommen da spannende Zeiten auf uns zu. Sicher haben die nachrückenden Spieler die Qualität für den Titel 2018. Aber haben Sie auch die richtige Haltung und Einstellung? Neben der Arbeit mit dem Ball und an der Taktiktafel ist das sicher die größte Herausforderung. Bei Löw und seinem Team sind wir da auf jeden Fall in besten Händen.

Dem SC Freiburg mit seinen Fans, seinen Sponsoren, dem verantwortlichen Management im Vorder- und Hintergrund, dem Trainer und seinem Team – und vor allem den Spielern wünsche ich für die kommende Saison große mentale Stärke. Sowohl für die kritischen Phasen auf dem Platz (mit dem Gegner, dem Schiedsrichter und manchmal auch einer überschaubaren Zahl von Fans), nach unglücklichen Niederlagen und glücklichen Siegen, bei bösen Fouls und schweren Verletzungen als auch für gutes Gelingen in Flow-Phasen, wo gefühlt alles klappt und wie von alleine geht. Auch das sollte mental gut verarbeitet werden! – oder wie Jogi sagen würde: „höggschde Konzentration“ beim Abrufen der Bestleistung im State of Excellence.

Marc Kaltenhäuser, M.S. (USA)

Marc Kaltenhäuser hat bereits in den 90er-Jahren eine Fußballmannschaft der 1st Portland Division (USA) mit mentalem Training begleitet. Er leitet heute das Institut für Psychisches Gesundheitsmanagement in Freiburg und ist seit über 20 Jahren national & international als Coach & Trainer tätig.